Nach dem Oratorium Elias führte der Regionalchor Nürtingen zusammen mit dem Kammerorchester Stuttgart der Neuapostolischen Kirche das Oratorium Paulus von Felix Mendelssohn Bartholdy am 8./9. Mai 2010 auf.

 

Konzerte

Samstag, 08. Mai 2010, 19.00 Uhr   Neuapostolische Kirche Stuttgart-Süd, Immenhofer Str. 62
Sonntag, 09. Mai 2010, 18.00 Uhr   Neuapostolische Kirche Reutlingen-West, Dürrstraße 15

 

Leitung:  Frank Ellinger (Stuttgart) und Melanie Koch (Reutlingen)
   
Sopran:  Myriam Mayer
Alt:  Annika Schlicht
Tenor:  Robert Morvai
Bass:  Wieland Lemke
Ausführende:  Regionalchor Nürtingen und Kammerorchester Stuttgart der Neuapostolischen Kirche

 

Bericht auf der Seite der Neuapostolischen Kirche Bezirk Stuttgart/Leonberg.

Werkeinführung

Im Auftrag des Frankfurter Cäcilien-Vereins begann Felix Mendelssohn Bartholdy 1833 mit der Komposition des Oratoriums „Paulus“. Nach der Uraufführung unter der Leitung Mendelssohns in Düsseldorf am 22. Mai 1836 trat das Werk einen Siegeszug durch ganz Europa an. Nach behutsamer Überarbeitung durch den Komponisten wurde „Paulus“ bis Ende 1837 mehr als fünfzig Mal an über vierzig Orten aufgeführt. Es erreichte damit eine Popularität, die erst durch den „Elias“ übertroffen werden sollte.

Der Geist Bachs und Händels begegnet dem Zuhörer in diesem Werk - wie in vielen anderen Werken Mendelssohns - auf Schritt und Tritt, im „Paulus“ besonders in den Choralbearbeitungen und Rezitativen. Trotz dieser großen Vorbilder hat Mendelssohn eine ureigene musikalische Sprache. Sie zeigt sich in der Verbindung von weicher Ausdrucksmelodik und ausbalancierten, liedhaften, klassisch-romantischen Formen mit spätbarocker, kontrapunktischer Kompositionskunst. Reminiszenzen an Bachs große Passionen sind zweifellos die Turbaechöre der „Stimme des Volkes“, während die beiden großen Chöre „Mache dich auf, werde Licht“ und „O welch eine Tiefe des Reichturns“ in ihrer architektonischen Anlage den berühmten Chorszenen Händels ebenbürtig sind. Die Gestalt des Paulus war für Mendelssohn Gegenstand intensiver persönlicher Auseinandersetzungen. Den Text stellte er unter der Mitwirkung des Theologen Julius Schubring nach Worten der Heiligen Schrift selbst zusammen.

Die Einleitung des Oratoriums nimmt im Choralzitat „Wachet auf ruft uns die Stimme“ Bezug auf das bei Matthäus überlieferte Gleichnis von den zehn törichten Jungfrauen. Die darin angedeutete Lichtsymbolik zählt zu den wesentlichen Momenten des Paulusoratoriums und darf in dieser Deutung als programmatisch für die christliche Gemeinde angesprochen werden. Das Gebet der Gläubigen „Herr, der du bist der Gott“ nimmt zwischen Schöpfungsbericht und der Auflehnung der Heiden die Konfliktsituation auf, die das ganze Oratorium bestimmt. Der fast barock harmonisierte Choralsatz „Allein Gott in der Höh' sei Ehr'“ beschließt mit unerschütterlichem Gotteslob die dreiteilige Eröffnung.

Die Handlung vollzieht sich in zwei großen Abschnitten. Der erste Teil des Oratoriums berichtet davon, dass Stephanus von gesetzestreuen Juden gesteinigt wird. Tumultartige Szenen kontrastieren mit kontemplativen Momenten (Himmelsvision des Stephanus und die reflektierende „Jerusalem-Arie“). Unter den Eiferern befindet sich auch der junge Saulus von Tarsus, der die Christengemeinde in Syrien verfolgen will. Über die konkrete Situation der Steinigung hinaus zerstört er die christliche Gemeinde zu Jerusalem und zieht „mit einer Schar nach Damaskus“, wozu er „Macht und Befehl von den Hohepriestern hat, um Männer und Weiber gebunden zu führen gen Jerusalem“. Auf dem Weg nach Damaskus geschieht das Wunder: Christus erscheint ihm, Saulus erblindet und bekennt sich zu ihm. Als Konsequenz dieser Berufungsvision bezeichnet er sich fortan nicht mehr mit seinem hebräischen Namen „Saulus“, sondern mit dem römischen Namen „Paulus“.

Die einfache Deutung dieses Erlebnisses als Bekehrung eines bösen in einen guten Menschen wird diesem ungeheuerlichen Vorgang nicht gerecht. Es muss vor Damaskus etwas geschehen sein, was Paulus im Kern seiner Existenz getroffen und verwandelt hat. Durch diese Wandlung wuchsen diesem an sich schwachen Menschen ungeahnte Kräfte zu, die zu weltgeschichtlichen Veränderungen führten und für die Kirche epochale Bedeutung erlangten. Das Damaskuserlebnis hat mit der Redewendung „vom Saulus zum Paulus“ Eingang in unseren Sprachgebrauch gefunden, ebenso wie das geflügelte Wort „und alsbald fiel es wie Schuppen von seinen Augen“.

Der zweite Teil mit dem programmatisch zu verstehenden Eingangschor „Der Erdkreis ist nun des Herrn“ berichtet von der Missionstätigkeit des Paulus und des Barnabas bei Juden und Heiden. Besonders beachtenswert sind die zwei ausgewogen und liebevoll gestalteten Apostelduette. In der musikalischen Realisation der Rezitative erkennt man immer wieder die Dramatik und Gefahr der damaligen missionarischen Bemühungen. Juden und Heiden lehnen sich gegen Paulus auf. In konspirativer Hast, anfänglich in geducktem, später deutlich hasserfülltem Gestus, bricht der Volkszorn gegen Paulus los. Treffend zeichnet Mendelssohn mit kurzen, abgerissenen Motiven das bösartige, verleumderische Zischeln „Ist das nicht, der zu Jerusalem verstörte alle, die diesen Namen anrufen“. Die knisternde Handlung wird verlassen und aufgefangen durch die überzeitliche Choralparaphrase „O Jesu Christe, wahres Licht“. Zugleich wird ein Bogen gespannt zur Lichtsymbolik des ersten
Teils. Auch die Erregung der Ungläubigen „Hier ist des Herren Tempel“ ist unter Bezugnahme auf den Steinigungschor des ersten Teils komponiert. Von bezaubernder Schönheit in der formalen und musikalischen Anlage zeigt sich der Treueschwur des Apostels „Sei getreu bis in den Tod“, lyrisch begleitet vom Violoncello. Die persönliche Ansprache des Missionars „Ihr wisset, wie ich allezeit bin bei euch gewesen“ mündet in die ergreifende Abschiedsszene von seiner Gemeinde in Ephesus. Der Märtyrertod des Apostels wird dabei nur angedeutet. Den „guten Kampf des Glaubens“ zu kämpfen - Vermächtnis dieses großen Apostels der Urkirche - ist für Mendelssohn Aufruf und Verpflichtung. Mit dem groß angelegten Lobpreis „Lobe den Herrn, meine Seele“ (Psalm 103) schließt das Werk.