Passionsmusik nach dem Evangelium des Johannes, BWV 245. Die Aufführung des Regionalchors Nürtingen zusammen mit einem Projektorchester der Neuapostolischen Kirche Süddeutschland erfolgte am 19./20. März 2011.

 

Konzerte

Samstag, 19. März 2011  Neuapostolischen Kirche Heilbronn
Sonntag, 20. März 2011  Neuapostolische Kirche Esslingen, Hindenburgstr. 50

 

Leitung:  Frank Ellinger (Heilbronn) und Melanie Koch (Esslingen)
   
Sopran:  Fanie Antonelou
Alt:  Carolin Strecker
Tenor:  Robert Morvai
Bass:  Jens Paulus und Ralf Ellinger (Jesus)
Ausführende:  Regionalchor und Projektorchester der Neuapostolischen Kirche

 

Bericht auf der Seite der Neuapostolischen Kirche Bezirk Esslingen und Bezirk Heilbronn.

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Werkeinführung

Am Karfreitag 1724 erklang J. S. Bachs Johannes-Passion in der Leipziger Nikolaikirche zum ersten Mal. Sie zählt mit zu den eindrucksvollsten Vertonungen der Leidensgeschichte Jesu. Auf dem Fundament spätbarocker und zugleich höchst expresssiver Klangwelten vereinen sich Wort und Ton zu einer bis heute faszinierenden Bibelauslegung. Bach verbindet dabei Dramatik (Jesusworte und Turbaechöre) und Innerlichkeit (Arien), Tradition (Choralstrophen) und Modernität (harmonische Kühnheit der Evangelistenzitate). Bereits im Eingangschor setzt er zudem einen in der Geschichte der Passionsmusik einzigartigen österlichen Akzent, indem er Jesu Leiden ins Sieghafte deutet (nach M. Walter, Johannes-Passion, Stuttgart 2011). Viele namhafte Musikwissenschaftler haben schon über die Bach'schen Passionen geschrieben. Stellvertretend für alle folgen zwei Zitate:

Bachs Johannes-Passion
Albert Schweitzer (1902)

Bach war nicht nur ein poetischer Musiker, sondern auch ein Denker, der in den Geist der Schrift tief eingedrungen war. Seine musikalische Darstellung der Schriftworte ist oft zugleich eine Auslegung derselben. So hat er in der Arie „Es ist vollbracht“ das letzte Wort Jesu ins Sieghafte gedeutet. Das Thema der Arie erbaut sich auf dem Rhythmus der erhabenen Feierlichkeit, den er überall so charakteristisch anwendet. Dann aber bei den Worten „Der Held aus Juda siegt mit Macht" bricht das Sieghafte mit elementarer Gewalt hervor. Die Begleitung des Orchesters erinnert an diejenige der zweiten Strophe der Kantate „Ein feste Burg“, wo das „Streiten des rechten Helden“ in Musik dargestellt wird.

Weil Bach ein Denker war, konnte ihn die Choralphantasie „O Mensch bewein dein Sünde groß“ als Einleitung der Johannes-Passion auf die Dauer nicht befriedigen, sondern er suchte nach einem Text, der gleichsam den Grundgedanken des Johannesevangeliums zusammenfasste. Dieser Gedanke lautet aber: die Offenbarung der göttlichen Herrlichkeit Jesu in der Niedrigkeit und im Leiden. Er findet sich niedergelegt in dem Chor, den Bach endgültig zur Einleitung wählte: „Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm in allen Landen herrlich ist, zeig uns durch deine Passion, dass du, der wahre Gottessohn, zu aller Zeit, auch in der größten Niedrigkeit, verherrlicht worden bist.“ Die Flöten und Oboen klagen in der Höhe, die Bässe ruhen aushaltend auf derselben Note und darüber webt die göttliche Majestät in bewegten,
ununterbrochenen Sechzehnteln. Aber bei den Worten „Zeig uns durch deine Passion...“ steigt die webende 16tel Bewegung in die Tiefen der Bässe hinab, um sich bei den Worten: „verherrlicht worden bist“, wieder sieghaft zu erheben. So zeigt der erste Chor, dass Bach den Grundgedanken der Passionserzählung des Johannesevangeliums bis in die innersten Tiefen seines Dichtergemütes nachempfunden hat. Seine Johannes-Passion ist das Werk eines dichtenden Denkers, der sich in der Sprache der Töne ausdrückt. Darum ist dieses Werk unübertrefflích und unvergänglich.

Das Judentum und die biblischen Passionsgeschichten
Gedanken von Eberhard Auer

Vom Mittelalter bis hinein ins 19. Jahrhundert kam es in der Passionszeit, vor allem am Karfreitag, zu Ausschreitungen der Christen gegen die Juden [...] Vor allem die Passionsgeschichten trugen zu dieser Entwicklung bei. Etwa: Der Ausruf der Volksmenge beim Prozess gegen Jesus: „Sein Blut komme über uns und unsre Kinder!" (Mt 27,25) diente als Rechtfertigung der von Christen begangenen Judenpogrome.

In der Passionsgeschichte des Johannes sind es „die Juden“, die als die treibende Kraft Jesus zur Verurteilung bringen. Der römische Statthalter Pilatus ist von der Unschuld Jesu überzeugt. Doch auf Druck der von den führenden Kreisen aufgehetzten Juden verurteilt er Jesus zur Kreuzigung. Nach dem Johannesevangelium tragen „die Juden“ die Hauptschuld am Tod Jesu (Joh 19,11). Liegt aber nicht letztlich die Verantwortung für das Todesurteil bei Pilatus? Er ist es, der - auch aus Rücksicht auf seine Karriere (Joh 19,120 - Jesus zum Tod am Kreuz verurteilte, eine Hinrichtungsart, die die Römer für politische Aufrührer vorgesehen hatten. Wir müssen nach den Verbrechen, die auch im Namen des Christentums an den Juden verübt worden sind, die Passionsgeschichten kritisch lesen. Vor allem haben wir die Wirkungsgeschichte dieser Texte zu bedenken [...]

Auch bei der Aufführung von Bachs Johannes-Passion haben wir uns der Frage zu stellen, ob nicht die Art, wie Bach diese Passionsgeschichte vertont hat, noch einmal den antijüdischen Akzent des Johannesevangeliums verstärkt, etwa durch seine unübertroffene Meisterschaft, Wut, Aggressivität und Scheinheiligkeit der Volksmenge musikalisch zum Ausdruck zu bringen. [...] Bach war jedoch nicht nur der große Musiker, sondern auch ein hervorragender Theologe. So hat er als erster nicht eine Nachdichtung der Passionsgeschichte, sondern die biblischen Texte in ihrer jeweiligen Eigenart seinen Oratorien zugrunde gelegt. Ferner hat er nicht nur, wie vor ihm üblich, am Schluss eines Oratoriums oder Oratorienteils einen Choral vertont. Vielmehr unterbrach er die biblischen Berichte und die Folge der meditativen Arien immer wieder durch Choräle, in denen das Wir der Gemeinde bzw. das ich des Christen zu Wort kommt. In den Chorälen gibt Bach die Antwort auf die Schuldfrage: „Wer hat dich so geschlagen, mein Heil, und dich mit Plagen so übel zugericht”?“ (Nr. 11). Die Antwort lautet: „Ich, ich und meine Sünden, ...die haben dir erreget das Elend, das dich schläget...“. Solche Texte sind der Versuch, die Beziehung zwischen der Passion Christi und unserer Existenz zum Ausdruck zu bringen, und zwar nach zwei Seiten
hin. Einmal: im Passionsgeschehen wird deutlich, wer wir Menschen sind. Hass und Verblendung gibt es doch auch mitten unter uns. Die andere Seite: Das Passionsgeschehen verkündet uns Vergebung, Befreiung: „Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn, muss uns die Freiheit kommen!“ (Nr.22).